von Andreas Weigel
Die völlig überteuerte Software-Edition, die Friedrich Pfäfflin gemeinsam mit dem Münchner Saur Verlag auf CD-ROM veröffentlicht hat, bleibt bis zur dringend erforderlichen Generalsanierung eine vertane Chance. Ausstattung und Qualität können mit dem unverhältnismäßig hohen Verkaufspreis nicht ansatzweise Schritt halten und bleiben deutlich hinter dem zurück, was man seit Jahren von vergleichbaren Texteditionen gewohnt ist.
Vorerst einige Beispiele, was alles bei der Sauren Fackel-Edition misslungen ist, die der Verlag in völliger Verkennung des Angebotenen als "unverzichtbare Anschaffung und ein ganz sensationelles Rechercheinstrument" bewirbt.
Geile Schlamperei: Korrumpierte Textedition
Belegstellen, wie die folgende belegen, dass Saurs sündteure CD-ROM-Edition der Fackel auch textlich korrupt und somit wissenschaftlich wertlos ist. Kraus zitiert in der Glosse "Die Planke" (Fackel Nr. 462, S.9) folgenden Duett-Passus: "Urschula / geh her, genier dich / nicht !", der in der Version der schlampig editierten CD‑ROM-Edition der Fackel allerdings aus heiterem Himmel: "Urschula / geil her, genier dich nicht" lautet.
Ein unvermeidlicher Nebeneffekt dieser liederlichen Schlamperei: Das Wort "geil" kommt nun in der Wortliste der Sauren CD-ROM-Edition zehn Mal vor, davon einmal in der Glosse "Die Planke". Welche weiteren, heiteren Abenteuer die Saure Volltextsuche bietet, offenbart auch die "Phrasen"- bzw. "Nahe"-Suche nach "Urschula" und "geh her" bzw. "geil her". Obwohl diese Wörter in der Fackel-Glosse unmittelbar zusammengehören, werden sie von der "Phrasen"-Suche wider Erwarten gar nicht, und von der "Nahe"-Suche erst bei einer Distanz von 10 (in Worten: zehn) Wörtern gefunden.
Offensichtlich wurde der dreispaltige Text für die Volltextsuche nicht (wie es sinnvoll und logisch wäre) spalten-, sondern zeilenweise eingelesen. Durch diese undurchdachte Programmierung werden nicht nur Worte getrennt, die in der Fackel zusammengehören, sondern auch Wörter Nachbarn, die zwar in der gedruckten Fackel auf derselben Seite, aber doch durch zwei, drei Spalten getrennt auseinander stehen (Durch Extras, wie diese, sind bei der Suche alle möglichen und unmöglichen Überraschungen garantiert).
Die Volltextsuche versagt im vorliegenden Fall, der dreispaltig angeordneten Textpassagen, völlig und es bleibt bei jeder Suche ungewiss, ob in vergleichbaren Fällen die Treffer nur dadurch zustande gekommen sind, weil in Spalten angeordneter Text der Fackel-Seite sinnwidrig zeilenweise (nach dem Schema: 1. Zeile der 1. Spalte, 1. Zeile der 2. Spalte, 1. Zeile der 3. Spalte, 2. Zeile der 1. Spalte, 2. Zeile der 2. Spalte, 2. Zeile der 3. Spalte usw.) erfasst wurde, obwohl nur die spaltenweise Erfassung (alle Zeilen der 1. Spalte, alle Zeilen der 2. Spalte, alle Zeilen der 3. Spalte usf.) sinnvoll und richtig ist.
Suche mit Lücken und Tücken
"GASTHAUS für einen STAMMGAST gesucht, der weder vom Wirt noch vom Personal gegrüßt oder mit seinem Namen angerufen werden will und abends verschiedene Gemüse fertig vorzufinden wünscht, die nicht nach Wiener Art zubereitet sind. Bedienung ohne Konversation, Bezahlung ohne Ansagen der Speisen. Anträge unter "KRAFTERSPARNIS" an den Verlag der Fackel" ist auf der 4. Umschlagseite der Fackel 339 zu lesen und jeder ahnt bei der Lektüre dieser Anzeige sofort, wer der schwierige Stammgast ist, der sich die üblichen, sozialen Konventionen gern ersparen möchte. Diese Anzeige ist für das frühe Selbstverständnis und Selbstbild von Karl Kraus charakteristisch. Da aber die Umschlagseiten der Fackel für die Fackel-CD-ROM wider alle Vernunft nur als Grafik erfasst wurden, bleibt im Fall des unwirschen Stammkunden Karl Kraus die Volltextsuche nach den Schlüsselworten "Gasthaus", "Stammgast", "(nach) Wiener Art" und "Kraftersparnis" erfolglos. Schade!
Vermeintliche Volltextsuche
Gleichgültig welche der vier zur Auswahl stehenden Such-Typen ("Stichwortsuche", "Phrasensuche", "'Nahe'-Suche", "Erweiterte Suche") man auch wählt, stets bleibt die vermeintliche Volltextsuche auf das gemeinsame Vorkommen der Suchwörter auf derselben Fackel-Seite beschränkt. Die Online-Hilfe enthält keinen Hinweis, dass die vermeintliche Volltextsuche auf das gemeinsame Vorkommen der Suchbegriffe auf ein und derselben Fackel-Seite eingeschränkt ist.
Die "Phrasen-Suche" (etwa nach "Haut und Haar"), aber auch die "'Nahe'"-Suche" (etwa nach "hoch" und "galgenhoch" innerhalb einer frei zu definierenden Distanz von x Wörtern) funktioniert bei der vermeintlichen Volltextsuche nur, solange die Suchbegriffe gemeinsam auf der derselben Fackel-Seite stehen. Sobald die betreffenden Suchwörter durch einen Seitenwechsel getrennt werden, was bei Prosatexten gewöhnlich üblich ist, geht die vermeintliche Volltextsuche leer aus. Nur wer alle Seitenwechsel der Fackel kennt, kann die jeweilige Suche so definieren, dass die gesuchten Passagen gefunden werden (Wer allerdings selbst über so eine übermenschliche Textkenntnis verfügt, braucht auch die sündteure Fackel-CD-ROM nicht mehr).
Willkürliche Typographie
Wie schlampig die Fackel-CD-ROM-Edition gearbeitet ist, deren gravierenden Einschränkungen bei der vermeintlichen Volltextsuche mit der wenig plausiblen Begründung entschuldigt werden, die Original-Typographie der Fackel nachzuahmen, kommt unter anderem auch im Zusammenhang mit den mittlerweile legendären, zensurbedingten Lücken der Fackel zum Vorschein. Beispielsweise wurde in der Glosse "Der durchhaltende Ton" (Fackel 437, S.33f) der mehrere Zentimeter lange Eingriff der Zensur(behörde), den Kraus durch die verbleibende Lücke zwischen den Worten "im Umkreis" und "ein Deka Butter" besonders hervorhebt, einfach gelöscht, obwohl die Zensur dazwischen die Worte "dieses Bleilebens" herausgestrichen hat.
Kraus hat diesen Eingriff der Zensur durch die deutlich klaffende Lücke bewusst vorgeführt. Aber obwohl der Satz von der Zensur sichtbar in zwei Teile zerbrochen wurde, liest er sich in der EDV-Edition als nahtloses Ganzes. Weiters wurden die zensurbedingten Lücken nicht eigens für die Suchroutine markiert bzw. definiert, weshalb nun wiederum Wörter, die zufällig auf einander folgen, weil der Zensor die dazwischen befindlichen Worte (Wörter bzw. Sätze und Absätze) gestrichen hat, von der "Phrasen"- und der "Nahe"-Suche" als echte Nachbarn angesehen werden, was zwangsläufig falsche Suchergebnisse verursacht.
Von "ZeLtschriften", "ZeLtstrophen" und anderen kuriosen Scan-Fehlern
Die beachtliche Anzahl der durch Stichproben zufällig entdeckten Scan-Fehler zeigt, dass beim Scannen viel zu wenig Sorgfalt aufgewandt wurde. Besonders gravierend ist die fehlende Sorgfalt etwa bei typischen Scan-Fehlern, wie der Verwechslungen der Buchstaben I und L.
Daher führt die "Saure Fackel" unter anderem die Wortkuriositäten "Zeltgefühl" statt "Zeitgefühl", "Zeltschriften" statt "Zeitschriften", "Zeltmusik" statt "Zeitmusik", "Zeltstrophen" statt "Zeitstrophen" im Text und in der Wortliste an, was allfällige Suchergebnisse doppelt verfälscht: Einerseits werden bei der vermeintlichen Volltextsuche Wörter, Passagen und Zusammenhänge nicht gefunden, obwohl sie in der Fackel stehen, andererseits werden Wörter, Passagen und Zusammenhänge gefunden, obwohl diese NICHT in der Fackel stehen.
Die versprochene, aber nur halbherzig umgesetzte Nachahmung der Fackel-Typographie ist kein ernst zu nehmendes Argument gegen eine funktionierende Volltextsuche. Davon abgesehen hat das Layout im Rahmen einer digitalen Volltextedition, die vor allem der raschen und lückenlosen Textsuche zu dienen hat, eine untergeordnete Bedeutung.
Die vorliegende CD-ROM-Edition verbindet nur Nachteile statt Vorteile: Sie ist weder Buch, noch Volltext-Rechercheinstrument. Eine detailliertere, noch im Entstehen begriffene Besprechung der umstrittenen CD-ROM-Edition der Fackel können Sie online unter: http://members.aon.at/andreas.weigel/Saure-Fackel-Edition.htm lesen.


Kunsthaus Bregenz
