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17-03-2005
Zum 70. Geburtstag von Hans Wollschläger
Ansehen und Ruhm hat Hans Wollschläger durch seine Übersetzung des "Ulysses" von James Joyce erlangt. Bis dahin war Wollschläger allenfalls als Geheimtip bekannt: wegen seiner 1965 erschienenen Rowohlt-Monografie über Karl May, wegen seiner engagierten Reden gegen die beiden christlichen Kirchen ("Die Gegenwart einer Illusion"), sowie wegen seiner mustergültigen Geschichte der Kreuzzüge ("Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem").
Vereinzelt war noch bekannt, dass ihn Arno Schmidt als Schüler angenommen, gemeinsam mit ihm Edgar Allen Poes Werke übersetzt, und sich persönlich für die Publikation von Wollschlägers Romanerstling "Der Fall Adam" engagiert hat - vergeblich. Aufgrund der konsequent fehlenden Publikationsmöglichkeit machte sich Wollschläger in den 60er Jahren einen Namen als Übersetzer von Donald Barthelmes "Komm wieder, Dr. Caligari" (1965), Robert Govers: "Kitten-Trilogie" (1965, 1967, 1971), Poes "Gesammelten Werken" (1966ff), Stanley Reynolds' "Lieber tot als rot" und Muriel Sparks: "Das Mandelbaumtor" (1967).
Besonderes erwähnenswert ist seine stimmige - ja vielstimmige Nachdichtung des "Anna Livia Plurabelle"-Kapitels aus Joyces "Finnegans Wake". Die Erstellung der deutschen Synchronfassung von Joseph Stricks "Ulysses"-Verfilmung (1967f) war gleichsam Pilotprojekt für die anstehende Übersetzung des gesamten Romans. Durch seine kongeniale Eindeutschung des "Ulysses" wurde Wollschläger gewissermaßen über Nacht zum gefeierten Star des Literaturbetriebs, zum Helden, der den Bogen des "Ulysses" gespannt hat.
Plötzlich in den Mittelpunkt öffentlichen Interesses gerückt, gelang es dem Außenseiter sofort, seiner neuen Position als literarischer Autorität gerecht zu werden. Schließlich hatte er in den Jahren zuvor intensiv über Literatur, besonders die Möglichkeiten moderner Prosa nach Joyce und Schmidt nachgedacht, und konnte seine schriftstellerischen Leitlinien auch sehr pointiert vermitteln.
Nachdem er auf die Sonnenseite des Literaturbetriebs gewechselt hatte, sprach er regelmäßig dessen Schattenseiten an. Als er etwa 1976 von der "Bayerischen Akademie der Schönen Künste" mit deren Literaturpreis ausgezeichnet wurde, weil er aus dem "Ulysses" ein "Kunst-Werk der deutschen Sprache" gemacht hat, begriff er die Preisverleihung zur Freude seiner KollegInnen als Gelegenheit, der literarischen Öffentlichkeit mit seiner Dankesrede die soziale Mißlage der AutorInnen und ÜbersetzerInnen "In diesen geistfernen Zeiten" bewußt zu machen - und später durch weitere "Gelegenheitsreden" erneut in Erinnerung zu rufen.
Wegen der brillant formulierten, tiefenpsychologischen Studien über Karl May, seine ausgefeilten Überlegungen zu James Joyces Spätwerk und zum modernen Roman, sowie seine persönlichen Würdigungen von Geistesverwandten, wie Sigmund Freud, Karl Kraus, Gustav Mahler, Vladimir Nabokov, Friedrich Nietzsche oder Arno Schmidt wurde der Name Hans Wollschläger in den 70er Jahren zum Synonym für allererste Qualität.
Seine geistreiche Studie über "Die Instanz K. K. oder Unternehmungen gegen die Ewigkeit des Wiederkehrenden Gleichen" bleibt als besonders dichter Abriß von Karl Kraus' Leben, Werk und Wirken Maßstab, wie reflektierte Auseinandersetzung mit Kraus aussehen sollte. Die durchdachte Sprache trennt ihn von jenen trostlosen Kraus-VerehrerInnen, die an der schwer beschreiblichen Dimension Karl Kraus scheitern - Schwächen ihres Denk- und Benennungsvermögens durch metaphorische Kraftmeiereien wettzumachen versuchen.
Apropos Freud und Kraus: Karl Kraus war kein geborener Gegner der Psychoanalyse. Vielmehr zeigte er sich an der modernen Psychologie, wie er sie nannte, so freundlich interessiert, dass er ihr anfangs das Wort geredet hat. Bald hat er sie immer kritischer gesehen und in zunehmendem Ausmaß die Schüler, dann die Lehre und schließlich auch deren Begründer mit dem Spottlight der "Fackel" bedacht. Vor allem die geäußerte Bemerkung, dass die Psychoanalyse "keinen Meister hat und nur fortzeugend Lehrlinge muß gebären" (F 668-675, 149; 1924) signalisiert schillernd, seine geringe Wertschätzung für Freud, den er namentlich als geistige Kinderkrankheit (Fackel 890-905, 46; 1934) einstuft.
Kraus attackiert auch Freuds Praxis, indem er ein in einem Autographenkatalog angebotenes Schreiben Freuds glossiert, das zur Fortsetzung einer psychoanalytischen Behandlung rät: "Patient hatte ganz recht, seine Widerstände nicht mürbe machen zu lassen, sondern sich durch Verkauf der Rezepte schadlos zu halten" (F 847-851, 53; 1931).Seine entschiedene Abneigung gegen Freuds Lebenswerk hat Kraus in eine polemische Definition gefaßt, die er nie widerrufen, sondern durch zahlreiche Nachträge gesteigert hat: "Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält." (F 376-377, 21; 1913)
Diesen Bannspruch hat der Großteil der "Fackel"-LeserInnen als Alibi für ihr Desinteresse an Freuds Erkenntnissen verwendet. Wollschläger, der dagegen Freuds Lehre als eine Basisqualifikation für moderne Prosa definiert, da diese den Stand der menschlichen Selbsterkenntnis zu spiegeln habe, hat den offenen Konflikt seiner Vorbilder gelöst, indem er deren Gedankenwelten für sich vereint hat: Viele seiner Schriften demonstrieren mit beneidenswerter Schärfe, welche Früchte diese kritische Auseinandersetzung trägt. Außer der Psychoanalyse, welche die tiefenpsychologische Feinzeichnung der Figuren garantieren soll, macht Wollschläger der modernen Literatur zwei weitere Vorgaben: "Man muß ihr ansehen, dass es Joyce gegeben hat, ohne ihr Joyce selbst anzusehen. Man muß ihr ansehen, dass es Schmidt gegeben hat, ohne dass sie aber von Schmidt sein könnte."
Dem Autor Wollschläger hat die mit der "Ulysses"-Übersetzung einhergehende Anerkennung endlich die Veröffentlichung (des ersten Teils) seines gelungenen Prosaexperiments "Herzgewächse oder Der Fall Adams" ermöglicht. Nachdem dieses trotz aller Bemühungen 15 Jahre lang ungedruckt geblieben war, wollte Wollschläger das "gescheute" Werk überarbeiten, damit es seinen im Lauf der Jahre deutlich gewachsenen Ansprüchen und Fähigkeiten entspricht, was die Veröffentlichung um weitere Jahre verzögert hat. Ende 1982 wurde der erste Band der "Herzgewächse" veröffentlicht, der die literarische Öffentlichkeit stark beeindruckt hat, weshalb diese seither immer ungeduldiger auf den abschließenden zweiten Band wartet.
Zum Bedauern jener LeserInnen, denen Wollschlägers Werk ans Herz gewachsen ist, widmet sich dieser der Publikation der gesammelten Schriften Karl Mays und Friedrich Rückerts, die ihm wichtiger sind, als die eigenen - und die gespannte Erwartung seiner LeserInnen (sowieso). Trotzdem fällt es schwer, über die "Herzgewächse" anders als in Superlativen zu sprechen. Selbst Arno Schmidt hat in seinem Spätwerk Wollschlägers Erstling wiederholt in einem Zug mit den angesehensten Werken der Weltliteratur genannt.
Tatsächlich hat es der faszinierende Roman, der Wollschlägers vielfältige Fähigkeiten bündelt, faustdick hinter den Worten. Satz für Satz zeigt Wollschläger, wie viel er von seinen Vorbildern (Adorno, Chandler, Freud, Joyce, Kraus, G. Mahler, T. Mann, Nabokov, Nietzsche, Schopenhauer, Schmidt ...) gelernt hat. Als guter Schüler unterscheidet er sich jedoch von seinen Lehrern, denen er nacheifert, anstatt sie nachzuahmen. Dieses faustische Streben, es Göttern gleich zu tun, ist ein Hauptmotiv der "Herzgewächse" - die Konsequenz wird im Nebentitel (der unter anderem auf "Finnegans Wake" anspielt, das Wollschläger als Vorbild und Warnung beherzigt hat) angedeutet: Höllensturz, Sündenfall und Teufelspakt.
Diese Mythen werden tiefenpsychologisch dargestellt und bilden die Grundlage, eine wissenschaftliche Theorie als mitreißenden Kriminalfall zu präsentieren. Als absolute Literatur reden die "Herzgewächse" bewußt in sich von sich mit sich selbst, wodurch sie ihre eigene Sekundärliteratur sind, die im Werk und als Werk Wollschlägers Theorie illustriert. Wollschlägers umfassende Ausrichtung auf dieses (Über-)Lebenswerk bedingt, dass auch sein restliches Schaffen primär Kommentar zu den "Herzgewächsen" ist. Obgleich seine programmatischen Auseinandersetzungen mit anderen KünstlerInnen so eigenständig sind, dass sie gewiß auch für sich allein gelesen werden können, liegt ihr tieferer Sinn meist doch in der theoretischen Untermauerung seines opus magnum.
Wollschläger, der bei Wolfgang Fortner Komposition und bei Hermann Scherchen Dirigieren studiert hat, beabsichtigt die Entwicklung "eines Idioms, das der Musiksprache Mahlers entspreche": "Es werden da kompositorische Verfahrensweisen angewandt, die aus dem Formenkanon der Musik stammen. Dazu gehört, dass Worte, Silben- und Wortgruppen, wie thematisches Material behandelt werden. Wie modale Figuren etwa, die beziehungsreich immer wiederkehren. Auch Rhythmen und Tempi, Verdichtungen in der Stimmführung, die Grundrisse der Sukzessiv-Form sind aus formalen Vorstellungen der Musik hier in die Prosa übernommen, die vielleicht dadurch eine Polyphonie gewinnt, wie sie mit dem Instrumentarium des herkömmlichen Erzählens nicht allein erzeugt werden könnte".
Andreas Weigel